Ave Maria: Das vollständige Gebet, sein Ursprung und seine tiefere Bedeutung

Ave MarĂ­a: La OraciĂłn Completa, su Origen y Profundo Significado

Von den Evangelien auf die Lippen der Kirche

Kaum ein Gebet hat das Leben des christlichen Volkes so eng begleitet wie das Ave Maria. Sein erster Teil entstand nicht an einem Schreibtisch oder auf einem Konzil, sondern in zwei Begegnungen, die der heilige Lukas schildert: dem Gruß des Engels Gabriel an Maria in Nazaret und dem Ruf Elisabeths bei der Heimsuchung. In den ersten Jahrhunderten wiederholten die Gläubigen diese biblischen Worte als freudigen Widerhall des Geheimnisses der Menschwerdung, ohne die feste Form, die wir heute kennen.

Die vollständige Formel bildete sich langsam heraus. Der zweite Teil – die Bitte „Heilige Maria, Mutter Gottes …“ – entsprang der Volksfrömmigkeit und der Liturgie, besonders seit den großen Prüfungen des späten Mittelalters, als das Volk lernte, „die Stunde unseres Todes“ in die Hände der Mutter zu legen. Der Überlieferung nach wurde der Text im Römischen Brevier vereinheitlicht, das der heilige Pius V. 1568 nach dem Konzil von Trient promulgierte. Seitdem schlägt das Ave Maria im Gebet des Angelus, im Rosenkranz und im schlichten Gebet jedes Hauses.

Der vollständige Text des Ave Maria

Dios te salve, MarĂ­a,
llena eres de gracia,
el Señor es contigo.
Bendita tĂş eres entre todas las mujeres,
y bendito es el fruto de tu vientre, JesĂşs.

Santa MarĂ­a, Madre de Dios,
ruega por nosotros, pecadores,
ahora y en la hora de nuestra muerte.
Amén.

Wir geben die offizielle Fassung dieses Gebets in Ihrer Sprache hier nicht wieder, da sie uns nicht mit Sicherheit bekannt ist; dies ist der spanische Text. Der lateinische Originaltext, der allen Sprachen gemeinsam ist, befindet sich weiter unten.

Das lateinische Original

Es ist nach seinen ersten beiden Wörtern benannt: Ave Maria.

Ave María, grátia plena, Dóminus tecum.
Benedícta tu in muliéribus, et benedíctus fructus ventris tui, Iesus.
Sancta MarĂ­a, Mater Dei, ora pro nobis peccatĂłribus,
nunc et in hora mortis nostræ. Amen.

Betrachtung und Bedeutung

Wenn wir das Ave Maria beten, rezitieren wir keine Frömmigkeitsformel: Wir treten in die Szene der Verkündigung ein und lassen das Wort Gottes in unserem Mund zum Gebet werden. „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir“ (Lk 1,28). Der Gruß Gabriels offenbart, wer Maria ist, bevor sie selbst etwas sagt: eine mit Gnade erfüllte Geschöpf, von Gott vorbereitet, die Wohnung des Wortes zu sein. Der Katechismus bringt es tiefgründig zum Ausdruck: „Maria ist die vollkommene Beterin, das Vorbild der Kirche. Wenn wir sie anrufen, stimmen wir mit ihr in den Heilsratschluß des Vaters ein“ (KKK 2679). Wir beten sie nicht an – das gebührt allein Gott –, sondern wir vereinen uns mit ihrem „Mir geschehe“, damit sich der Wille des Herrn auch in uns erfüllt.

Die zweite Zeile leiht uns Elisabeth: „Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes“ (Lk 1,42). Hier liegt das christozentrische Herz des Gebets. Der Katechismus lehrt, dass „der Schwerpunkt dieses Gebets der Name Jesu ist“ (KKK 2676): Wir preisen Maria, weil sie Christus trägt, und durch sie geht unser Blick immer zum Sohn. Deshalb führt dieses Gebet niemals von Jesus fort; im Gegenteil, es ist ein sicherer Weg zu ihm, wie jeder erfährt, der seine eigene Taufe neu entdeckt hat.

Die Schlussbitte „Heilige Maria, Mutter Gottes“ bekennt das auf dem Konzil von Ephesus im Jahr 431 definierte Dogma: Maria ist Theotokos, die den ewigen Sohn des Vaters dem Fleische nach geboren hat (KKK 495). Und wir bitten sie um ihre Fürsprache „jetzt und in der Stunde unseres Todes“. Der Katechismus weist darauf hin, dass wir uns bei der Anverwandlung unserer Bitten „wie sie, seine Mutter, dem Willen Gottes anvertrauen“ (KKK 2677). Darin liegt keine Aberglaubensfurcht, sondern das Vertrauen des Kindes, das seine Mutter bittet, ihm in den beiden Augenblicken zur Seite zu stehen, auf die es wirklich ankommt: der konkreten Gegenwart des heutigen Tages und dem endgültigen Schritt zum Vater.

Der heilige Ludwig Maria Grignion de Montfort stellte in seiner Abhandlung über die wahre Andacht zur allseligen Jungfrau das Ave Maria als einen der erhabensten Lobpreise dar, die wir zum Himmel richten können, da sich darin der Gruß des Engels, das Zeugnis der Heiligen Schrift und der Glaube der Kirche verdichten. Wer es aufmerksam betet, häuft keine leeren Worte an – das, was Jesus in Matthäus 6,7 rügt –, sondern wiederholt wie die Wellen, die ans Ufer zurückkehren, die frohlockende Verkündigung des Heils.

Die Früchte dieses Gebets sind der Tradition wohlbekannt: Es beruhigt das Herz, erzieht zur Demut Marias und lehrt, gegen alle Hoffnung zu hoffen. Langsam gebetet, vor allem im Rosenkranz, wird es zu einer lebendigen Katechese des Evangeliums, da jedes Ave ein Geheimnis aus dem Leben Christi begleitet. Für den, der es heute inmitten von Arbeit, Krankheit oder Prüfung betet, ist das Ave Maria ein Akt des Glaubens: die eigene Geschichte mit ihrem „Jetzt“ und ihrer „Stunde des Todes“ in die Hände der Mutter zu legen, die uns zu Jesus führt.

Zwei Hälften mit fünfzehn Jahrhunderten Abstand

Das Ave Maria wurde nicht auf einmal niedergeschrieben, und dies zu wissen, erklärt seine Form. Die erste Hälfte ist buchstäblich Evangelium: der Gruß des Engels bei der Verkündigung und im Anschluss die Worte Elisabeths bei der Heimsuchung. Es ist keine devotionalische Komposition, es sind zwei aufeinanderfolgende Zitate aus dem Lukas-Evangelium.

Lc 1, 28

Die zweite Hälfte – „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder“ – steht nicht in der Bibel. Es ist eine Bitte, die die Kirche nach und nach hinzufügte und die in ihrer heutigen Form im Römischen Brevier von 1568 unter Pius V. festgeschrieben wurde. Daher wechselt das Gebet zur Mitte hin den Ton: Zuerst wird mit den Worten der Schrift gegrüßt, danach wird gebeten.

Auch der Titel „Mutter Gottes“ ist nicht dekorativ: Er ist die Übersetzung von Theotokos, definiert auf dem Konzil von Ephesus im Jahr 431.

Wo es gebetet wird

  • Im Rosenkranz, zehnmal pro Geheimnis. Es ist das Gebet, das dem Beten seinen Rhythmus verleiht.
  • Im Angelus, dreimal täglich, sowie im Regina Caeli in der Osterzeit.
  • Als StoĂźgebet, besonders die zweite Hälfte: „jetzt und in der Stunde unseres Todes“.

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Häufig gestellte Fragen

Warum hat das Ave Maria zwei so unterschiedliche Teile?

Weil sie unterschiedliche Ursprünge haben. Der erste ist wörtliches Evangelium – der Gruß des Engels und derjenige Elisabeths –, der zweite ist eine Bitte, die die Kirche später hinzufügte und die im Römischen Brevier von 1568 festgeschrieben wurde.

Wie viele Ave Maria hat ein Rosenkranz?

Zehn pro Geheimnis. Bei einem Rosenkranz mit fĂĽnf Geheimnissen sind es fĂĽnfzig, plus jene, die je nach Ortsbrauch zu Beginn hinzugefĂĽgt werden.

Warum wird Maria „Mutter Gottes“ genannt?

Dies übersetzt den Titel Theotokos, der auf dem Konzil von Ephesus im Jahr 431 definiert wurde. Es bekräftigt, dass derjenige, der aus ihr geboren wurde, Gott ist, nicht nur ein Mensch: Es ist eine Aussage über Christus vor Maria.

„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade“ oder „Voll der Gnade“?

Beide Formen sind im Spanischen geläufig. Die Form mit dem Verb ist die traditionelle des Gebets; die andere taucht in modernen Bibelübersetzungen von Lukas 1,28 auf. Der Sinn ist derselbe.

Quellen

  • Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 495 (Maria, Mutter Gottes), 2676–2677 und 2679 (das Ave Maria im Gebet der Kirche).
  • Evangelium nach Lukas 1,28 und 1,42 (VerkĂĽndigung und Heimsuchung).
  • Evangelium nach Matthäus 6,7 (ĂĽber das Gebet ohne leeres Geschwätz).
  • Hl. Ludwig Maria Grignion de Montfort, Abhandlung ĂĽber die wahre Andacht zur allseligen Jungfrau.
  • Konzil von Ephesus (Jahr 431), Definition Marias als Theotokos, Mutter Gottes.
  • Römisches Brevier, promulgiert von Papst Pius V. (1568), welches die heutige Form des Gebets festlegt.

Ăśber den Autor

Rosa Fernández geht seit über zwanzig Jahren den Weg des Neokatechumenalen Weges in verschiedenen Gemeinschaften in Spanien und Italien. Ausgebildet im katechetischen Itinerar von Kiko Argüello und Carmen Hernández, schreibt sie aus der Erfahrung der Taufwiederentdeckung und der Zentralität des Wortes und der Eucharistie.

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