Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte“, ein Gebet des Vertrauens 🐑

Man betet ihn bei Beerdigungen und Taufen, in Krankenhäusern und bei Exerzitien. Menschen, die kaum je eine Kirche von innen sehen, sprechen ihn auswendig mit, und er wird zu tausend verschiedenen Melodien gesungen. Der Psalm 23 – „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ – ist vielleicht das beliebteste religiöse Gedicht der Geschichte. In sechs Versen verdichtet er ein Bild, das alles sagt: das Bild eines Hirten, der seine Schafe einzeln kennt und keines im Stich lässt, selbst dann nicht, wenn der Weg durch die Finsternis führt. Warum tröstet dieser Psalm wie kaum ein anderer?

Historischer Kontext: Der Psalm des Hirten

Psalm 23 (in der lateinischen Vulgata-Tradition als Psalm 22 gezählt) wird König David zugeschrieben, der in seiner Jugend Hirte war, bevor er König wurde. Diese Erfahrung merkt man dem Text an: Wer ihn verfasste, kannte das Hirtenhandwerk, die Schluchten, die Gefahren für die Herde und die enge Verbindung zwischen dem Hirten und seinen Tieren von Grund auf. Das Bild des Hirten war zudem zutiefst biblisch: Gott selbst stellt sich als der Hirte Israels vor (vgl. Ez 34), der das verlorene Schaf sucht und die Wunde verbindet.

Seine vollendete Erfüllung fand der Psalm durch Jesus, der dieses Bild auf sich selbst anwandte: „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe“ (Joh 10,11). Was David erahnte, führt Christus zur Vollendung: Der Hirte leitet und schützt nicht nur, sondern er stirbt für die Herde. Deshalb liest die Kirche diesen Psalm in einem neuen Licht und verwendet ihn besonders in der Liturgie für die Verstorbenen: Angesichts des Todes verkündet er, dass der Hirte selbst im „finsteren Tal“ zur Seite steht.

Der Katechismus erinnert daran, dass Christus der Gute Hirte ist, der seine Kirche sammelt und führt (vgl. KV 754). Psalm 23 zu beten bedeutet im Grunde, sich von ihm hüten zu lassen.

Der vollständige Text von Psalm 23

Liturgische Version auf Spanisch (Liturgia de las Horas):

El Señor es mi pastor, nada me falta:
en verdes praderas me hace recostar;
me conduce hacia fuentes tranquilas
y repara mis fuerzas;
me guía por el sendero justo,
por el honor de su nombre.
Aunque camine por cañadas oscuras,
nada temo, porque tú vas conmigo:
tu vara y tu cayado me sosiegan.
Preparas una mesa ante mí,
enfrente de mis enemigos;
me unges la cabeza con perfume,
y mi copa rebosa.
Tu bondad y tu misericordia me acompañan
todos los días de mi vida,
y habitaré en la casa del Señor
por años sin término.

Wir geben hier nicht die offizielle Fassung dieses Gebets in Ihrer Sprache wieder, da sie uns nicht mit Sicherheit bekannt ist; dies ist der spanische Text. Der lateinische Originaltext, der allen Sprachen gemeinsam ist, erscheint weiter unten.

Das lateinische Original

In der Vulgata ist es Psalm 22; in der hebräischen Zählung Psalm 23.

Dóminus regit me, et nihil mihi déerit:
in loco páscuæ ibi me collocávit.

Betrachtung und Bedeutung: Vertrauen wie ein Schaf seinem Hirten

Der Psalm beschreibt einen Weg: Er beginnt auf den grünen Auen der Ruhe, führt durch das finstere Tal der Gefahr und endet für immer im Haus des Herrn. Er ist im Kleinformat der Lebensweg eines jeden Gläubigen.

„Mir wird nichts mangeln“: Wirklich gar nichts?

Diese Aussage ist kühn. Es heißt nicht: „Ich habe keine Probleme“, sondern: „Mir wird nichts mangeln“, weil ich den Hirten habe. Es ist dasselbe Vertrauen, das der hl. Paulus aus dem Gefängnis heraus bezeugte: „Ich habe gelernt, mich in jeder Lage zu genügen […] Alles vermag ich durch den, der mich stärkt“ (Phil 4,11-13). Das ist kein Leugnen von Mängeln, sondern die Erkenntnis, dass es an nichts Wesentlichem fehlt, wenn man Gott hat. Das Ruhen „auf grünen Auen“ ist das Bild einer Seele, die vertraut und aufhört zu hetzen.

„Auch wenn ich wandere im finsteren Tal“: Die Mitte des Psalms

Hier geschieht eine entscheidende Wende: Der Psalm hört auf, in der dritten Person von Gott zu sprechen – „er führt mich“ –, und beginnt, ihn direkt mit „Du“ anzusprechen: „denn du bist bei mir“. Gerade in der Finsternis – in Leid, Angst und Tod – wird der Glaube zum innigen Zwiegespräch. Er verspricht nicht, dass es keine finsteren Täler geben wird; er verspricht, dass wir sie nicht allein durchschreiten müssen. „Dein Stock und dein Stab“ – die Werkzeuge des Hirten zur Verteidigung und Führung – werden zum Grund des Friedens, nicht der Furcht.

Der Tisch, das Öl und der Becher: Die Eucharistie ist bereits da

„Du deckst vor mir einen Tisch an […] du hast mein Haupt mit Öl salbt, mein Becher überströmt.“ Die christliche Tradition hat hier eine Vorausschau der Eucharistie gesehen: den Tisch des Herrn, die Salbung durch den Geist, den überfließenden Becher. Der Hirte leitet und schützt nicht nur: er nährt. Mitten in den Bedrängnissen – „im Angesicht meiner Feinde“ – bereitet Gott ein Gastmahl. Die Fülle wartet nicht erst am Ende des Weges: Sie wird bereits mitten im Kampf geschenkt.

Ein Gebet für die Gegenwart

Manche beten ihn in Momenten der Angst oder der Trauer ganz; andere lernen nur den Vers auswendig – „Auch wenn ich wandere im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir“ –, um ihn zu wiederholen, wenn die Bedrängnis drückt; wieder andere begleiten damit einen Kranken oder nehmen Abschied von einem geliebten Menschen. Er ist kein Zauberspruch gegen den Schmerz, sondern ein Vertrauen, das ihn hindurchträgt. Psalm 23 zu beten bedeutet, langsam zu lernen, sich dem Hirten anzuvertrauen, selbst wenn man den Weg nicht sieht.

Ein Hirte und ein Gastgeber: Zwei Bilder, nicht eines

Fast jeder erinnert sich an die erste Hälfte von Psalm 23 – die Auen, das ruhige Wasser, das finstere Tal – und vergisst, dass sich in der Mitte das Bild ändert. Er verlässt das Feld und begibt sich in ein Haus: „Du deckst vor mir einen Tisch an, du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, mein Becher überströmt.“ Gott wandelt sich vom Hirten zum Gastgeber.

Sal 23, 1

Diese Wende ist bedeutsam. Der Hirte führt und schützt von außen; der Gastgeber bittet zu Tisch. Und der Tisch wird „im Angesicht meiner Feinde“ bereitet: Es steht dort nicht, dass sie verschwunden wären, sondern dass sie das Mahl nicht länger verhindern können.

Wenn Jesus sagt: „Ich bin der gute Hirte“, beansprucht er diesen Psalm für sich, den alle seine Zuhörer auswendig kannten.

Es ist Psalm 23 in der hebräischen und Psalm 22 in der griechischen und lateinischen Zählung. Es ist derselbe Text.

Wann man ihn betet

  • Bei Beerdigungen und Totenwachen: Er ist der am häufigsten verwendete Psalm in der Totenliturgie wegen des finsteren Tals und des Hauses des Herrn.
  • In der Vesper und in der Liturgie vom Guten Hirten am vierten Ostersonntag.
  • Als persönliches Vertrauensgebet, ganz oder nur im ersten Vers.

Vielleicht interessiert Sie auch Psalm 91 oder Nada te turbe.

Im Shop: gravierte Holztafeln.

Häufig gestellte Fragen

Ist es Psalm 22 oder 23?

Es ist derselbe Text mit zwei Zählungen: Psalm 23 in der hebräischen und Psalm 22 in der griechischen und lateinischen Zählung.

Warum wird er bei Beerdigungen so oft gelesen?

Wegen zweier Bilder: des finsteren Tals, das ohne Furcht durchschritten wird, und des Hauses des Herrn, in dem man „für lange Zeiten“ wohnen darf. Er ist der Psalm des Vertrauens angesichts des Todes.

Was bedeutet „Du deckst vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde“?

Es besagt nicht, dass die Feinde verschwinden, sondern dass sie das Mahl nicht mehr behindern können. Hier wechselt das Bild des Psalms: Gott wird vom Hirten zum Gastgeber.

Steht er in Verbindung mit „Ich bin der gute Hirte“?

In direkter Verbindung. Indem Jesus dies sagt, beansprucht er einen Psalm für sich, den seine Zuhörer auswendig kannten.

Quellen

  • Heilige Schrift: Psalm 23 (Vulgata 22); Ez 34; Joh 10,1–18; Phil 4,11–13; Lk 15,4–7.
  • Katechismus der Katholischen Kirche, KV 754 (Christus, der Gute Hirte).
  • Liturgie der Stundengebet; Exequienliturgie (Gebrauch des Psalms für Verstorbene).

Über den Autor

Dieser Artikel ist Teil von „Oraciones y rezos cristianos“, einer Reihe von Productos Religiosos zur Wiederentdeckung des Schatzes des katholischen Gebets. Wir schreiben aus dem Glauben heraus und mit wissenschaftlicher Strenge, wobei wir uns stets auf die Heilige Schrift, den Katechismus und die lebendige Tradition der Kirche stützen, damit jedes Gebet wieder das wird, was es immer war: eine Begegnung mit Gott.

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Bitte beachte, dass Kommentare vor der Veröffentlichung freigegeben werden müssen.